Weide_Herbst_WeidenmanagementNach einem Kälteeinbruch mit Frost oder einem Wetterumschwung, werden besonders viele Fälle von AM beobachtet.

Die atypische Myopathie (AM), auch atypische Weidemyopathie genannt, tritt insbesondere im Herbst und Frühjahr auf. In über 90 % der Fälle verläuft sie tödlich. Ein gutes Weidemanagement kann das Risiko mindern.

Für Pferdebesitzer von Weidepferden ein Alptraum: Sie kommen morgens auf die Weide und finden ihre Tiere tot auf der Koppel liegend auf. Die Pferde sind Opfer einer schleichenden Vergiftung mit der Aminosäure Hypoglyzin A* geworden. Ein Gift, dass sich vor allem in den Samen und Sämlingen des Berg Ahorns findet. Die Erkrankung wurde erstmals 1984 in Schottland beschrieben und ist weltweit verbreitet. Der Nachweis von Hypoglyzin A (HGA) als Ursache für den plötzlichen Weidetod, wurde 2012 von der Pferdemuskelexpertin Stephanie Valberg (Professorin am College of Veterinary Medicine und Direktorin des Equine Centers der Universität von Minnesota) erbracht und 2013 durch ein internationales Forscherteam (AMAG**) unter der Leitung von Dr. Dominique Votion an der Universität Lüttich bestätigt. Zwischen Herbst 2006 und Januar 2015 wurden der AMAG allein 1.600 Fälle aus 20 Ländern Europas gemeldet. Es wird vermutet, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher ist.

Die Krankheit

Bei einer Myopathie (Muskelerkrankung) gehen Muskelzellen zu Grunde, d. h. sie lösen sich auf. Der Muskelfarbstoff wird über die Nieren ausgeschieden und es kommt zu einer Braunfärbung des Harns. In einer Blutprobe können erhöhte Muskelenzymwerte nachgewiesen werden.

Normalerweise tritt eine Myopathie aufgrund plötzlicher starker Belastungen (belastungsindiziert) oder einer erblich bedingten Stoffwechselstörung in der Muskelzelle auf. Je nach Schweregrad kann eine Infusionstherapie notwendig sein, da der ausgeschiedene Muskelfarbstoff zu einem lebensbedrohlichem Nierenversagen führen kann. Für den letztgenannten Fall stehen diätetische Maßnahmen und ein Bewegungsprogramm als Prophylaxemaßnahmen zur Verfügung.

Die atypische Weidemyopathie ist eine akute Muskelerkrankung mit zumeist tödlichem Verlauf. Im Gegensatz zu einer belastungsindizierten Myopathie tritt sie – unabhängig von körperlichen Anstrengungen – saisonal bei Weidepferden auf. Das Auftreten der Erkrankung häuft sich im Herbst und in dem Frühjahr, das auf einen großen herbstlichen Krankheitsausbruch folgt!

Differentialdiagnose

Erkrankungen mit einer ähnlichen bzw. nahezu identischen Symptomatik sind Botulismus, Koliken, eine belastungsindizierte Myopathie (bis hin zur Rhabdomyolyse), die Graskrankheit (Equine Grass Sickness), Hypokalzämie (extremer Kalziummangel), Hypomagnesiämie (extrem verminderte Konzentration von Magnesium im Blut) und Vergiftungen.

Folgende Anzeichen sprechen für eine AM

  • es handelt sich um ein Weidepferd
  • das abrupte Einsetzen klinischer Symptome
  • es sind mehrere Tiere der gleichen Weide betroffen
  • Auftreten im Herbst oder im Frühling
  • raue Wetterbedingungen, plötzlicher Wetterumschwung
  • Zugang zu Ahornsamen oder Ahornsprösslingen
  • die Pferde sind mehr als sechs Stunden täglich auf der Weide
    (… das gilt natürlich auch für Pferde, die nicht immer auf der Weide stehen – also keine klassischen Weidepferde sind – sondern ansonsten in der Box oder im Paddock. Einige Pferdebesitzer stellen ihre Pferde ja erst zum Herbst raus …)

Im Blut betroffener Pferde kann eine hohe Konzentration des Metaboliten von Hypoglyzin A nachgewiesen werden (Van Galen u. Votion 2013).

Krankheitsverlauf und Symptome

Abgegraste, karge Weiden liefern kaum noch Energie. Weidepferde stellen deshalb ihren Stoffwechsel auf die Verbrennung von Körperfett zur Energiegewinnung um. Und sie fressen Sachen, die sie normalerweise „links liegenlassen“ würden, wie z. B. Laub, abgestorbenes Holz und eben auch Ahornsamen (im Herbst) oder Ahornsprösslinge (im Frühjahr). Das in den Früchten und Sprösslingen des Ahorns enthaltene Hypoglyzin A blockiert nun die Enzyme, mit deren Hilfe Energie aus Fett gewonnen wird. Folge: Der Fettstoffwechsel der Tiere bricht zusammen. Die Herz- und Atemmuskeln sowie die Skelettmuskeln werden nicht mehr mit Energie versorgt, das Muskelgewebe zerfällt.

Weide_Herbst_WeidenmanagementOb die Samen des Ahorns tatsächlich gefressen werden müssen um eine AM hervorzurufen, oder ob durch die Feuchtigkeit der Böden im Herbst eine Anreicherung mit dem Gift im Weidegras erfolgt, ist zurzeit noch nicht ausreichend erforscht. Auch eine Vergiftung der Oberflächengewässer ist denkbar. Sicher ist, dass Feuchtigkeit eine Rolle spielt (Votion 2015).

Betroffene Pferde zeigen folgende Symptome

  • Mattigkeit, Apathie
  • erhöhte Herz- und Atemfrequenz
  • Muskelzittern
  • Schwitzen
  • schwankender Gang
  • Anzeichen einer Kolik
  • der Urin ist dunkel gefärbt (Mylobinurie)
  • Steifheit bis hin zum Festliegen

Mit dem Fortschreiten der Vergiftung kommt es zu Herzrhythmusstörungen, einer Schädigung des Herzmuskels und letztlich Atemstillstand. Die extrem schnell voranschreitende Muskeldegeneration führt innerhalb von 72 Stunden fast immer zum Tod.

Therapieansätze

Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es kein bekanntes Gegengift. Eine AM kann nicht kurativ behandelt werden, sodass ausschließlich eine symptomatische Therapie erfolgt, wobei die Verabreichung von Vitaminen und Antioxidantien einen positiven Effekt auf die Prognose haben soll (Van Galen u. Votion 2013). Liegen die Pferde bereits fest, zeigen Atemnot und einen erhöhten Puls, kommt fast immer jede Hilfe zu spät.

Bei Verdacht auf AM

  • sofort einen Tierarzt rufen
  • Aufstallen
  • jegliche Vermeidung von Stress
  • Schmerzmittel
  • Infusionen und Entzündungshemmer

Naturheilkundliche Maßnahmen können begleitend eingesetzt werden. Vor allem dann, wenn das Tier eine AM überlebt hat. Nach Meinung vieler Tierärzte sind Pflanzenfresser, wie Pferde, für Therapien mit Kräutern prädestiniert. Heilkräuter können den Stoffwechsel unterstützen. Ob eine vollständige Regeneration möglich ist, ist abhängig vom Ausmaß der Gewebe- und Organschädigungen.

Tipp: Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker

 

Prophylaxe

Weide_Herbst_WeidenmanagementWeiden mit Ahornbäumen sollten gemieden werden. Bedenken, dass auch Samen von in der Nähe stehenden Ahornbäumen leicht herübergeweht werden können, wenn der Wind ungünstig steht!

Folgende Maßnahmen können das Risiko für eine Erkrankung deutlich mindern

  • Aufstallen (vor allem nachts)
  • Weiden mit Ahornbäumen, insbesondere Berg-Ahorn, meiden 
    >> Baumkunde 
  • Zufüttern von Kraftfutter, Mineralfutter und Heu von guter Qualität
    (um zu verhindern, dass die Tiere Laub, Rinden, Totholz etc. anknabbern)
  • Weidemanagement überprüfen
    (Weidezeit unter sechs Stunden; Laub, abgestorbenes Holz etc. entfernen, Koppeln mit Kalkstickstoff düngen etc.)
  • Trinkwasser aus sauberen Eimern, um eine Infektion durch kontaminierte Wasserquellen auszuschließen

Sind alle Pferderassen betroffen?

Generell ja. Aber nicht jedes Pferd erkrankt. Das Fressen von Ahornsamen und Ahornsprösslingen sowie der Nachweis des Giftes im Blut führen nicht zwingend zu einer klinischen Erkrankung. Einige Pferde scheinen – ähnlich Ziegen – gegenüber HGA resistent, also unempfindlich zu sein. Dr. Votion nimmt an, dass diese Tiere über Mechanismen verfügen, die eine Verstoffwechselung des Giftes verhindern. Wie das vonstatten geht, ist bisher nicht erforscht. In anderen Fällen scheint es eine Inkubationszeit von mehreren Tagen zu geben, in der die Pferde das Gift kontinuierlich aufnehmen müssen, bevor sie Symptome zeigen.

Zudem spielen weitere Faktoren eine Rolle: So ist bisher nicht klar, wann die Konzentration des Giftes in den Samen am höchsten ist. und warum das Gift bei starkem, anhaltenden Frost oder Schneefall seine Wirkung verliert, während kalte Temperaturen ohne heftigen Frost, wenig Sonnenschein, Regen, Feuchtigkeit und Wind das Auftreten von AM begünstigen. Darüber hinaus kann die HGA-Konzentration von Samen zu Samen stark variieren. Auch bei Früchten von ein und demselben Baum. Auch sogenannte Streßphasen für die Bäume, zeigen Auswirkungen auf die HGA-Konzentration.

Statistisch gesehen sind junge, ungearbeitete Pferde in guter körperlicher Verfassung, die hauptsächlich auf der Weide gehalten werden, besonders betroffen.

Wissenswertes

Auch in der Humanmedizin gibt es eine vergleichbare Krankheit. Bei der Jamaican Vomiting Sickness (übersetzt sinngemäß Jamaikanische Spuck/Brech Krankheit) führt der Genuss von unreifen Litschi-Früchten, die ebenfalls in hohem Maße HGA enthalten, zu erbrechen und unter Umständen zum Tod.

Ziegen scheinen gegenüber HGA unempfindlich zu sein. Warum ist bisher nicht erforscht.

Die zeitgleiche Aufnahme von Vitamin B2 in klinischen Versuchen mit Ratten, zeigte eine schützende Wirkung.

* Hypoglyzin A, eine Aminosäure, metabolisiert zu dem toxischem Metabolit MCPA. D.h. es wird im Körper zu einem hochgiftigem Zwischenprodukt des Zellstoffwechsels umgewandelt.Hypoglyzin A häuft sich vor allem in den Samen des Bergahorns, in geringeren Mengen aber auch in anderen Ahornarten, an. Auch in unreifen Früchten des Akee-Baums (Litschi) nachgewiesen.

** Atypical Myopathy Alert Group, ein Epidemieüberwachungsnetzwerk für atypische Myopathie, dass 2004 an der Veterinärmedizinischen Fakultät von Lüttich ins Leben gerufen wurde. Das Netzwerk zielt darauf ab, Wissenschaftler miteinander zu verbinden, die an der Krankheit arbeiten und weltweit Fälle und Daten von AM zu erfassen


Quellen

D.-M. Votion, Universität Lüttich: The cause of atypical myopathy has been discovered – what should be done now? (2015)

Tanja Krägeloh, Dissertation, Tierärztliche Hochschule Hannover: Untersuchungen zur intestinalen Resorption von Hypoglycin A im Hinblick auf die Atypische Myopathie des Pferdes (2017)